Grosse Wolke, gesockelt 

1996, MDF, Leinen, Blütenöl Lavendel

Sechzehn weiße Sockel (0,25x0,25x1.20 m) sind in gleichmäßigen Abständen zu einem großen Quadrat installiert. Sie tragen offen-sichtlich nichts.Ihre Oberfläche scheint leer. Das ist ungewöhnlich, den ihrer Funktion nach dienen Sockel der Hervorhebung von Kunst, die sich vom Alltag unterscheidet und sie durch Erhöhung als etwas Besonderes kennzeichnen soll.

Sockel wurden in der Vergangenheit ausschließlich in architektonischenZusammen-hängen und Konzeptionen verwendet. Ihre Isolierung beginnt im 19. Jahrhundert

und geht einher mit der Vereinzelung der Künstler, die bis dahin in kirchlichen oder herrschaftlichen Aufträgen tätig waren. In unserer Zeit wird sogar zunehmend auf Sockel verzichtet, auch wiederholt von Aupperle, um mit dem Betrachter auf derselben Ebene zu kommunizieren. Doch der Titel nennt als ersten Begriff die "Große Wolke", die "gesockelt" sei. Ausgerechnet eine Wolke, die sich ständig verändert und zu flüchtig ist, um sie zu halten, geschweige denn "sockeln" zu können. Die Bezeichnung klingt rätselhaft und wirft Fragen auf. Erst beim näheren Kontakt wird der Herantretende von einer "großen Wolke" empfangen. Sie kann nicht angeschaut, dagegen intensiv erlebt werden. Staunend steht er inmitten 

von Lavendelduft und atmet seine heilkräftige Frische.

Es bedarf einer ganzen Zeit, bis er begreift, dass er aus den einzelnen Sockeln aufsteigt. In ihrem Innern befinden sich Pflanzenöle. Sie entsenden durch das oben gespannte, aber von den Holzwänden durch das einheitlich gefasste Weiß optisch nicht zu unterscheidende Tuch ihre aromatischen Düfte. Diese lassen sich nicht durch die Sockel und ihre Anordnung begrenzen. Aus der irdischen Form quellen

sie als unsichtbare, durch kosmische Kräfte entstandene ätherische Wolke, die sich im Raum verbreitet. Sie erfüllt und umhüllt den Menschen. Im völligen Verströmen schenkt sie ihm ihre Substanz. Aupperle weist den Sockeln eine nie zuvor dagewesene Funktion zu, indem er den Ausgangspunkt der "Großen Wolke" in das Sockelgehäuse verlegt. Die Arbeit integriert in die festgelegte Form die vergänglichen Kräfte der Natur. So wie die Pflanzen dem jährlichen Rhythmus von Werden und Vergehen unterworfen sind, so bedürfen die Lavendelöle in den Sockeln einer ständigen Erneuerung, um die "Große Wolke" zu erhalten.

                                                                                                   

                                                                                                 Dr. Marga Anstett-Janßen